5. Oktober 2019

News

Nachruf Wim Crouwel

(1929–2019)

Text: Jörg Stürzebecher

Der niederländische Grafiker Wim Crouwel verstarb am 19. September 2019. 



 

„Designer A, der den analytischen Ansatz favorisiert, um zu einer maximal objektiven Botschaft zu gelangen, wird geneigt sein, nur solide getestete Mittel zu verwenden, und wird sich nicht ohne weiteres dazu verleiten lassen, um der Neuheit willen zu experimentieren. Aus diesem Grund wird er auch wahrscheinlich an einem Ort landen, der manchmal als eher trocken bezeichnet wird.“

So beschrieb Wim Crouwel in dem berühmten, am 9. November 1972 im Amsterdamer Museum Fodor geführten Streitgesprächüber die Aufgaben des Grafikdesigners mit Jan van Toorn seinen Standpunkt. Van Toorn, der eine gesellschaftlich engagierte Gestaltung forderte, sah bei Crouwel die Gefahren technokratischen Denkens. Historisch gesehen war dies – nach der Auseinandersetzung zwischen Max Bill und Jan Tschichold 1946 – die zweite Konfrontation grafischer Positionen im 20. Jahrhundert auf hohem Niveau, anregend nicht zuletzt deshalb, weil sowohl Crouwel wie van Toorn von Katalogen und Plakaten über Ausstellungsgestaltungen bis hin zu Briefmarken vergleichbare Aufgaben lösten. Dass eine solche Debatte möglich und vielleicht erforderlich war, lag an der Zeit. Die Jugend- und Studentenrevolte lag noch nicht lange zurück, die Provos spielten in den Niederlanden eine politische Rolle, neben der Hochkultur gewannen populäre Formen etwa der Rockmusik oder des experimentellen Straßentheaters an Bedeutung. Im Rückblick ergibt sich die paradoxe Situation, dass Crouwels Haltung etwas abgehoben wird, die Wertschätzung seiner Grafik aber zumindest außerhalb der Niederlande und damit weltweit aber stetig zugenommen hat und er schon damals als einer der einflussreichsten Gestalter der Welt galt.

Mit anderen Großen teilt sein Werk vieles: Wie Otl Aicher entwarf er für Plakate viele Schriften, vor denen vor allem das ausgearbeitete „New Alphabet“ auch wegen seines Einsatzes in der Popkultur – es gab Abreibebuchstaben und Schallplattencover, von denen etwa „Substance“ von Joy Division (1988, Gestaltung: Bratt Wickens für Saville Associates) die Schwierigkeit des richtigen Verständnisses der Schrift bezeugt – Einfluss hatte. Wie Willem Sandberg gab er dem Stedelijk Museum in Amsterdam ein abwechslungsreiches und dennoch wiedererkennbares Gesicht, wie Gerald Kiljan und Piet Zwart nutzte er die niederländische Post für innovative Gestaltung. Dabei war der ausgesprochen elegant auftretende Crouwel, der nicht nur durch seine oft verschränkten Arme auf Distanz achtete, sich seiner Bedeutung sehr bewusst, markant sichtbar etwa, als er aus Protest gegen die Vergabe der Grafik für die niederländische Luftlinie KLM an das britische Büro von FHK Henrion zum Mitgründer und eigentlichen Gesicht von Total Design wurde. Seit den frühen Achtzigerjahren entdeckten ihn immer wieder junge Designer, der Verleger Lars Müller etwa, Hamish Muir von Octavo, die Darmstädter Grundlagendozentin Su Korbjuhn oder Experimental Jetset aus Amsterdam. 2007 widmete ihm die japanische Grafikzeitschrift IDEA eine monografische Ausgabe, für Gestalter ist das so etwas wie ein Nobelpreis. Ab 28. September 2019 schließlich zeigt das Stedelijk Museum eine weitere Ausstellung über sein Lebenswerk, das nun abgeschlossen ist, aber noch lange wirken wird.

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